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Paradigmenwechsel Universal Design - Vom Wohnen im Alter zum Wohnen für Alle

Grundlegend für eine Konsolidierung im Bereich Wohnen im Alter muss zunächst das Verständnis vom Wohnen als einem ganzheitlichen „Prozess“ sein. Damit werden künftig die Parameter für die Produktion von alltäglichen Gebrauchsgegenständen bis hin zur Konzeption der Häuser und Städte den Ansprüchen sowohl von Kindern als auch alten Menschen entsprechen müssen.
Entstanden zuerst in den USA - propagiert „Universal Design“ eine Formgebung von Alltagsgegenständen und der Umweltgestaltung, die für jedermann nutzbar ist. Diese Herangehensweise etabliert einen hohen Qualitätsanspruch an Materialien und Design, Komfortstandard und integriert die Gegenstände wie etwa Haltegriffe, in die Umgebung.

Den Begriff „Universal Design“ kann man zudem im Sinne von „universell nutzbar“ definieren: Ein Handtuchhalter kann zugleich Haltegriff, die Spiegel können sowohl im Stehen als auch im Sitzen Einblick gewähren. – alles Beispiele für das Prinzip „Easy Going“. Universal Design meint aber auch die Disposition. Eine geschickte Anordnung der Sanitärobjekte, Raumdispositionierung und –proportionierung. Etwa die Unterfahrbarkeit des Waschtisches erfordert eine Großzügigkeit, die sich in der Schweiz bereits durchgesetzt hat. Mieter setzen diese Qualität bei jeder Wohnungssuche bereits von vorn herein voraus.
Die Zugänglichkeit ins Freie ist eine andere Form der Großzügigkeit. Knapp ein Drittel von 1600 Befragten in acht deutschen Städten wählten nach einer aktuellen Umfrage des Potsdamer Instituts für Soziale Stadtentwicklung das „Gartenhofhaus“ zur beliebtesten Wohnform. Bei dem ebenerdigen Haustyp, bei dem die Wohnräume einen Garten oder Gartenhof umschließen, sei die Verbindung von naturbezogenem Öffnen der Wohnung und familiärer Abgeschlossenheit entscheidend.
Diese Erkenntnisse auf den Geschosswohnungsbau übertragen machen deutlich, wie wichtig ein hochwertiges - grünes - Wohnumfeld bzw. das Bedürfnis nach einem Balkon für Bewohner ist. Auch ein – barrierefreier - Austritt auf den Balkon kann schon solch ein sinnliches Erlebnis sein, wenn man etwa die Temperaturdifferenz spüren kann. „Wohnen“ sollte zukünftig noch viel mehr die komplimentäre Verbindung von Innen- und Außenraum beinhalten.
Die meisten Menschen möchten in ihrer „ge-wohnten“ Umgebung alt werden. Das bedeutet in Zukunft eine Stärkung der Wohnquartiere mit hochwertigen Angeboten von Räumlichkeiten und Service. Dafür werden zwischen der freien Wohnungswirtschaft Kooperationen mit Trägern in der Altenhilfe entstehen müssen.
Unter dem Arbeitstitel „Seniorenstift Light“ setzen wir z. Zt. eine Idee um, die die Grundbedürfnisse des Wohnens (Sicherheit, Geborgenheit, Kommunikation, Qualität Sinnlichkeit und Handhabbarkeit) im Sinne des Universal Designs verkörpert und auf den gesellschaftlichen Wandel reagiert.
Ein eingebautes Möbel (Bank, Regal, Briefkasten, Ablage) lädt im luftigen und hellen Atrium-Wohnflur zum Verweilen und Kommunizieren ein. Die überschaubare Anzahl an Nachbarn gibt dem Bewohner ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit.
In den Wohnungen vermittelt eine individuell gestaltbare „Wohnwand“ (Kamin, Regal, Schrank) das Gefühl von Geborgenheit. Gleichzeitig öffnen sich die Räume mit großen Fenstern zum Balkon und Garten. Hochwertige Materialien vermitteln dem Bewohner Sinnlichkeit, Authentizität und Selbstwert.

Universal Design im Wohnungsbau meint eben nicht die standardisierte Lösungen bzw. solche „für alle Fälle“, sondern eine Abwägung dessen, was für den einzelnen im Detail die beste Lösung ist. In der Schweiz wird seit geraumer Zeit der „anpassbare Wohnungsbau“ postuliert. Unsere Nachbarn fassen das Leben als Kontinuum auf, bei dem alle Lebensphasen fließend ineinander übergehen: Man sieht sich - einmal als „Senior“ – nicht plötzlich aus dem Kreis der „Menschen“ ausgeschlossen und gezwungen, nach einer geeigneten Wohnumgebung Ausschau zu halten. Diese Entstigmatisierung bedeutet, keine besonderen Auswahlkriterien zu Grunde zu legen, sondern vielfältige Wahlmöglichkeiten und Individualitäten zuzulassen: Nicht Unterordnung diktieren, sondern Prozesse evozieren. Den Pauschaltypus „älterer Mensch“ oder Rollstuhlbenutzer gibt es nicht. Regularien und Planungsvorgaben sollten Spielraum für Varianten zulassen, differenzierte Nutzerprofile ermöglichen und vor allem Ausgrenzungen vermeiden. Statt dessen unterstützt die Architektur unterschiedliche Lebensentwürfe – unabhängig vom Alter der Bewohner.
Literatur
Bücher:
Eckhard Feddersen, Insa Lüdtke
Entwurfsatlas Wohnen im Alter,
Basel, 2009
ISBN 978-3-7643-8870-6
Ulrike Rau
Barrierefrei - Bauen für die Zukunft
Berlin, 2008
Roger Coleman (Hrsg.)
Design für die Zukunft
Wohnen und Leben mit Barrieren
Köln, 1997
ISBN 3-7701-4187-3
Rudolph W. Guiliani
Universal Design New York
ISBN 0-9714202-0-3
Bettina Rühm
Unbeschwert Wohnen im Alter
Neue Lebensformen und Architekturkonzepte
München, 2003
Zeitschriften:
Deutsches Architektenblatt (09/ 2003)
div. Artikel
Stuttgart, 2003
Werk, Bauen und Wohnen
Wohnen im Alter (1/2 2004)
div. Projekte
Zürich, 2004
Deutsche Bauzeitschrift (07/ 2003)
Wohnen im Alter
div. Artikel
Gütersloh, 2003
Baumeister (5/ 2006)
Einfach alt werden
div. Artikel
München, 2006
AIT (11/ 2005)
Gesundheit & Soziales
Div. Projekte
Stuttgart 2005
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